Die Katze, der Aberglaube und ein Beinahe

Justyna trat auf die große Terrasse des Hotelzimmers. Das Zimmer ging zu einem, mit Platanen umsäumten, Sandplatz hinaus, der mit grünem Schiefer bedeckt war. Rechts erstreckte sich der kleine Hafen.

Hunderte Masten wiegten sich im Wind, der vom Meer heranzog. Ich zückte schnell die Kamera. Justyna musste ganz natürlich an beiden Ecken des Balkons abgelichtet werden, sonst wäre ihre Mutter zutiefst unglücklich. Leider war keine Blume zur Hand. Vollkommenes Glück durchzog uns beide. Es war für elf Tage der Abschied von Facebook, Job, Deutschland, Handy und jeglichem Alltagsgedanken. Es war für kurze Zeit das Paradies. Wäre das Paradies immerwährend, hieße es bald wieder Alltag, also muss es wohl bei Momenten bleiben. Wehende Schiffsmaste sind in Berlin auch eher selten.

Zur Linken gab es eine Boulangerie die süß duftete und aus der im Minutentakt, Menschen mit Baguettes unterm Arm, strömten. Auf dem Platz standen die älteren Männer und spielten Boule. Grüße schwirrten hin und her. Fast jedes Auto hielt am Platz kurz, um zu winken und den Spielern etwas zuzurufen, was meist mit Lachen und einer typischen Geste beantwortet wurde. Es schienen hier wirklich alle zufrieden zu sein.

Während des Auspackens hörten wir ein Miauen. Wir sind zuhause mit zwei Katzen gesegnet und uns waren natürlich bereits die vielen Straßenkatzen im Örtchen aufgefallen. Es sind die diese klassischen hochbeinigen Typen mit nicht viel Fleisch auf den Rippen, die sich nicht streicheln lassen und todesverachtenden Gleichmut bei Überqueren der einzigen Straße des Ortes an den Tag legen.

Miauen löst bei mir und meiner Frau den Pawloschen Reflex aus. Also blieben die Koffer unausgepackt und wir suchten von der Terasse aus den Verursacher. Katze eins, zwei, drei und vier waren es nicht. Die suchten nämlich auch. Außerdem war dieser klagende Ton auch eher das kätzische Äquivalent eines jammernden Kleinkindes. Unten auf dem Platz versammelten sich bereits mehrere Einheimische und beteiligten sich an der Suche. Zuerst hielten die Frauen mit Kinderwagen und schauten sich um. Die Boulangeriebaguette Käufer gesellten sich zu ihnen. Selbst die Boule Spieler unterbrachen ihr Spiel. Und plötzlich folgten alle dem ausgestreckten Arm einer älteren Frau (mit Baguette unterm Arm). Da war sie. Klein, weißgrau getigert und am wohl unzugänglichsten Platz, den sie hatte finden können.

Neben der Boulangerie war ein verlassenes Haus. Türen und Fenster waren verrammelt. Das Dach hatte Löcher in der Schieferabdeckung und die salzige Meeresluft hatte die Farbe abblättern lassen. Schimmel fraß sich durch die ganze Hauswand.

Kurz unterm Dach war eine kleine Fensterluke von gerade mal zwanzig Zentimetern Länge. Dort saß sie und miaute. Und hatte die ganze Aufmerksamkeit des Platzes. Die Frauen mit den Kinderwagen entfalteten ihre Jacken und spannten sie wie Sprungtücher auf, im Glauben, die Katze würde ernsthaft in Erwägung ziehen, ihrem Locken nachzugeben und acht Meter in die Tiefe in eine Segeltuchjacke zu springen.

Ein Blick in Justynas Gesicht offenbarte mir das bevorstehende Drama. Ich hatte es irgendwie bereits geahnt. Um eine Heldentat würde ich nicht drumherum kommen, es sei denn, der weitere Verlauf des Korsika Urlaubs wäre mir egal.

Also entledigte sich der Boche seiner bereits übergestreiften Badehose und der FlipFlops und stieg in eine kurze Hose und festeres Schuhwerk. Zeit zu handeln. Der flehende Blick Justynas begleitete mich zur Zimmertür.

Nach ein paar Worten mit des Nachbarin des verlassenen Hauses, die nicht wirklich zu einem Ergebnis führten, sie sprach kein englisch und ich kein französisch, quetschte ich mich durch eine Luke, die von der Treppe des Nachbarhauses zu erreichen war. Meine Hose dankte es mir mit einem Riss. Mein Weg führte mich durch einen brüchigen Treppenflur zu einem der oberen Zimmer, direkt unterm Dachboden. Das Zimmer sagte mir, ich hätte nur wenig Zeit bis die Decke über mir zusammen bräche und der Boden war bedeckt mit katzenexkrementen und Baumaterialien aus einer Zeit, in der Bleirohre noch das nonplusultra im Baugewerbe waren.

Zum Dachboden waren bereits zwei Mädchen aus dem Dorf vorgedrungen, was, wie die Menge draußen erkennen lies, die kleine Katze fast dazu brachte, von oben herab zu springen. Eile war gefragt. Ich riß die alten morschen Fensterläden auf und sprang auf den Sims. Mich am oberen Rand festhaltend, lehnte ich mich heraus und erwischte das miaunde Knäuel im letzten Moment, als es bereits senkrecht an der Hauswand hing.

“Chapeau Monsieur!” schallte es mir entgegen, als ich wieder staubdeckt auf die Straße trat. Der Urlaub war gerettet und meine Frau liebte ihren Helden. Die Tage vergingen mit Strand und Touren ins Inland. Und dem Füttern von einem Dutzend Katzen. Nun ja, wir waren zumindest nicht die einzigen.

Das Leben war viel zu schön. Es musste etwas passieren. Der Satz “Das Leben ist kein Ponyhof” ist Quatsch. Das Leben ist durchaus ein Ponyhof. Ein Ponyhof auf dem man “Ah” und “Oh” sagt und über weiche Nüstern streichelt, kurz bevor eins der Ponys ausflippt und ein Kind schwer verletzt.

Am vorletzten Tag unseres Urlaubs waren wir unschlüssig, was wir machen wollten. Tage vorher hatte sich das Herumfahren in der Gegend als wahre Goldgrube fürs Sightseeing mit dem Auto entpuppt, also entschlossen wir uns, einfach ins Auito zu steigen. Zwei Richtungen standen zur Auswahl. Wie gesagt, es gab nur eine Straße.

Wir wählten die falsche. Kurz hinter dem Ortsschild sah Justyn etwas grauweißes am Straßenrand. Ich fuhr schnell weiter und parkte das Auto zweihundert Meter entfernt und lief zurück. Bei den ungefähr zwanzig Katzen im Örtchen konnte es jede sein. Es gab auch andere weißgraue Katzen. Aber sie war es.

Ich begrub sie nahe der Straße. Ihr Fell war warm von der Sonne und fühlte sich lebendig an. Die zertümmerten Vorderläufe und der gemarterte Kopf machten es deswegen umso schwerer sie hochzuheben. Eine kleine Katze hat jetzt ein Grab direkt am Meer unter einem zusammengesammelten Steinhügel. Auf einem flachen Stein ist “Cat” eingeritzt.

Wir fuhren danach zwei Stunden ziellos durch die Gegend. Worte wurden kaum gewechselt. Irgendwann wendete ich und fuhr zurück. Trotz allem hatten wir Hunger und einigten uns auf das Restaurant vom ersten Abend. Die einzige Straße des Ortes macht am Ende einen Knick und führt dann in die Berge. Genau an der Kurve muss man auf die andere Seite, um zum Restaurant zu gelangen.

Ich ging vor. Justyna war kurz hinter mir und nahm den, näher zur Kurve gelegenen, Fußgängerweg. In diesem Moment dachte ich: “Gott, wie scheiße wäre dieser Tag für meine Frau, wenn ich jetzt auch noch überfahren würde…”  und drehte mich um. Das Auto raste viel zu schnell in die Kurve direkt auf uns zu. Ich riss beide Arme hoch und brüllte aus voller Kraft “STOOOP!” Justyna sprang zurück und das Auto kam kurz vor mir zum Stehen. Der alte Mann hinterm Steuer, dessen Gesicht an Munchs Schrei erinnerte,starrte uns einfach nur an. Justyna stand einen knappen halben Meter vom Kotflügel des Autos entfernt. Ich frage mich seitdem immer wieder: Was wäre nur ohne die Katze passiert?

 

 

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