Klassentreffen

Damals in der Schule gab es die Klassenschönheit, die keinen an sich ran ließ
und nur die Jungs aus den oberen Stufen toll fand, den Klassendoofen, der von
allen gehänselt wurde und einfach zu sensibel war und natürlich die coole Clique
wo einige schon rauchten und „es“ getan haben wollten. Als die Schule vorbei war,
sah man meisten (alle) seiner „Klassenkameraden“ nie wieder. (Was durchaus nicht bedauert wurde.)

Gäbe es da nicht diese ominösen Klassentreffen. Nach zehn Jahren flattert ein Brief ins
Haus, der zum großen Wiedersehen mit den Schulgefährten einlädt. Tatatatatda !!!
Nachdem man sich von der Überraschung erholt hat, das man überhaupt
gefunden wurde, weil fünfmal umgezogen, zweimal die Stadt gewechselt
und sich aus reiner Schludrigkeit auch beim Ordnungsamt nicht angemeldet
hat, fängt das Gedächtnis an zu rattern. Namen, Gesichter, peinliche Vorfälle
und erste Lieben geistern einem durch den Kopf.

„Wie hieß der und der noch mal? Was ist bloß aus Jaqueline geworden? Oder
unser ätzender Klassenstreber Jörg, der ist bestimmt doch so ein Bankenheini
oder Informatikfritze geworden. Damals hatte der schon immer diesen albernen
schwarzen Kunstlederaktenkoffer mit Zahlenschloß für seine Schulunterlagen und
schrieb in jeder Mathematikarbeit eine glatte Eins. Sind sie verheiratet?
Haben sie Kinder? Oder was ist mit Lars, dem ehemals besten Freund passiert,
der einem damals bei der Klassenreise nach Moskau die Freundin ausgespannte.

Bin ich jetzt größer und stärker als die beiden Sitzenbleiber, die mich immer
in den Schwitzkasten nahmen? Ich war damals schon stärker, hatte aber immer
eine unerklärliche Angst ihnen wirklich eine runter zu hauen.“

Als Ostler ist noch spannender:

„Wer ist in der alten Heimat geblieben? Haben sich die Schicksale der einzelnen
so entwickelt wie ich es mir vorgestellt habe? Sind die Klassencoolen jetzt Spießer,
die wie in der Werbung den ganzen Tag ihren uralten Sportwagen polieren und noch
bei Muttern wohnen? Hat sie das gleiche Schicksal ereilt wie ihre Eltern, die
einem anspruchslosen Job nachgehen und als einziges Highlight ihres Lebens das
„Wochenende im Garten feiern“ mit ihren Arbeitskollegen kennen.

Kann ich es meinen alten Mitschülern so richtig zeigen? Ging ich den richtigen Weg?
Oder entpuppt sich das Ganze als ein oberflächliches Herumgestehe, bei dem alle versprechen sich mal öfter zu treffen und es dann doch nicht tun, weil man den Lebensweg des anderen insgeheim vollkommen ablehnt.

Manchmal hab ich an die Schule, an meine alten Mitstreiter gedacht und mir
gewünscht sie wiederzusehen. Oft einfach aus dem Grund um den anderen zu zeigen
wie erfolgreich ich geworden bin. (Bin ich ja nicht. Oder doch? Gehts so.) Oder eher, das mein Außenseitertum damals schon ein Vorzeichen auf die radikale Individualität heute war. Oder auch aus reiner Sentimentalität, weil die Schulliebe vollkommen verklärt wurde und ich mir bis auf den heutigen Tag vorstelle, was ich hätte besser machen können. Sieht sie noch so gut aus? Und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, waren die Unternehmungen mit meinen Freunden eine schöne Zeit, nach der ich mich zurück sehne.“

Aber Zweifel kommen auf.

„Hab ich es überhaupt geschafft? Können die eigenen Vorstellungen von einem
guten Leben auch vor den Menschen bestehen mit denen ich eben nur meine Kindheit
verbrachte? Haben man sich überhaupt etwas zu sagen? Wahrscheinlich werde ich
wieder wie früher auf dem Schulhof, den ganzen Abend mit meiner alten Clique
abhängen. Ich weiß es nicht.

In Filmen ist dieser Plot des Klassentreffens sehr beliebt als Ort und Zeit
peinlicher Begegnungen an denen vieles offenbart wird, was damals nicht
ausgesprochen und zu Ende gebracht wurde.

Ich kann endlich die Dinge erfahren, die irgendwo doch noch wichtig sind,
wie zum Beispiel ob damals Mandy das mit dem Zettel im Ferienlager ernst
meinte, auf dem stand, dass sie mich küssen wolle. Sie wird sich wahrscheinlich
gar nicht mehr daran erinnern. Oder dieser arme Spinner, der aussah wie ein eine
Ratte mit blonden Haaren und Sommersprossen, den ich beim Abschreiben ausgenutzt
habe. Da gibt’s noch dringend nötige Entschuldigungen.

Gibt es auch noch nie erzählte Geschichten die jahrelang vor den anderen geheim
gehalten wurden. Wie zum Beispiel die Sache mit dem Mädchenschulklo oder dem
Schienenberg der in Flammen aufging.

Und dann naht der große Tag.

„Das Treffen ist in meiner alten Heimatstadt, in der ich schon seit über 15 Jahren
nicht mehr gewesen ist. Ab und zu sah ich Berichte in der Tagesschau, die von
Naziübergriffen und Firmenpleiten handelten. Kein einziger Kontakt seit einer
Ewigkeit. Es geht los. Der Weg zum Bahnhof wird noch ganz entspannt angetreten.
Aber schon rotieren die Gedanken in meinem Kopf. Ich fahre in den Ort meiner Geburt.
Ob das Haus meiner Eltern noch steht? Was ist aus der Schule geworden?

Viele Kindheitserinnerungen kommen hoch. Während der Fahrt im Zug wird mir langsam
kribbelig vor Spannung. Es werden vielleicht wildfremde Menschen sein, denen ich
begegne. Ich spüre ein kleines Lächeln auf dem Gesicht, als ich an die gemeinsamen
Angeltouren mit meinen Freunden denke, bei denen jeder einen Rucksack voller Bier
dabei hatte aber keiner eine Angel. Und plötzlich schleicht sich auch so etwas wie
Schüchternheit ein. Welche alten Spitznamen werden da wohl fallen, oder welche schon
lange vergessenen Schulskandale lauthals wieder zum Leben erweckt? Und auf einmal ist
es kein bloßes Klassentreffen mehr, sondern eine Reise in die Vergangenheit bei der
alles passieren kann…

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2 Gedanken zu „Klassentreffen

  1. Ali

    …? Ja und wie geht es weiter?!?! Wenn’s am Spannendsten wird, hört dein Blogpost auf?!?!?! WTF?! ICH WILL EINE FORTSETZUNG!!! :)

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